Juneau
Wirbelstürme - oder warum Schweigen eigentlich doch ganz toll ist

Es gibt sie doch.

Die Momente, in denen man sich jene grauenhaft ruhevollen Gesprächspausen herbei sehnt, an die man sich nur ungern mit einem Anflug von Scham erinnert.
Dann nämlich, wenn man es nicht mit den Schweigern, sondern - oh graus - den Laberbacken unter den Gesprächspartnern zu tun hat.
Man nennt sie gerne auch die Monogamisten der zwischenmenschlichen Kommunikation. Monogam, weil sie theoretisch niemanden für das Gespräch benötigen - ausser sich selbst.

Sich und das Ereignis des 5-Liter-Milch-Einkaufens von heute Morgen. Sich und ihren eingewachsenen Zehennagel. Und natürlich den unermüdlichen Eifer all das in einem Non-Stopp-Fluss der Langeweile (und des zwischenzeitlichen Ekels) zu erzählen. Ohne das geringste Verlangen nach Antwort oder sonstigen dezenten Gegenreaktionen.

Ich weiss nicht. ADHS? Oder zu faul um es in ein Tagebuch nieder zu schreiben? Es nämlich irgendeiner (vollkommen egal welcher) Person zu erzählen ist so viel einfacher und vor allem sooo viel effizienter. Eine geballte Ladung subtiler was-mir-halt-so-durch-den-kopf-schwirrt Gedanken können so innert Sekunden losgeworden werden. Wie praktisch. Hehe. Ja genau. Erzähl mir mehr.
Eine Vergewaltigung der ursprünglich von Gott so wundervoll erdachten Idee des "miteinander" Redens.

Wenn ich nämlich vorhabe heute Mittag Reis zu kochen, weil ich schon seit 46 Tagen keinen Reis mehr gegessen habe und ich noch nicht genau ob es Wild- oder Basmatireis werden soll und ich Reis eigentlich nicht so mag, aber zwischendurch es ja doch mal ganz gesund ist und man es ja auch mit Curry oder einem saftigen Stück Fleisch essen kann, aber ihn nicht zu scharf würzen sollte, weil, gell, das vertrage ich dann doch nicht so gut und muss davon meistens...dann haaalt. Da hat niemand was davon, niemanden interessiert's und niemand weiss was er dazu sagen soll - wenn er überhaupt die dafür benötigten (und dann sehnlichst herbeigewünschten) Gesprächspausen erhält.
3.9.14 14:17


Und das sagt mein Mann dazu

"Früher war ich glücklich wenn ich in der ersten Klasse Freunde hatte. Solche, die wussten wie ich heisse und wo ich wohne. Ja, man musste früher noch genau wissen wo jemand wohnte, weil man ja kein Google Maps hatte. Und den Namen konnte man auch noch nicht bei Facebook nachschauen gehen."

"Heute ist alles anders. Heute wissen alle alles über mein Leben. Und das obwohl ich nicht bei Facebook bin. Ich bin auch nicht im MSN, bei GooglePlus, auf Myspace oder Xing. Ich bin nur noch der Ehemann von mimselle. Und darum findet mein Leben trotzdem im Netz statt. Alle wissen, dass meine Grossmutter schlecht hört, welche Gedanken meine Frau sich so macht und wie es unserem kleinen Sohn geht."

"Das bringt mich in die Klemme. Zum einen soll ich meiner Frau alle Freiheiten lassen. Zum anderen will ich mein Privatleben schützen. Darum folgende Geschichte:
Ein guter Freund von mir arbeitet beim Radio. Wo er immer wieder mit Hörern telefoniert. Und dabei versucht er intime Details aus den Hörern herauszukitzeln. Von Hobbies über Liebesleben bis zu Unterwäsche-Spleens.

Je intimer und privater die Information, desto schwieriger ist es sie zu bekommen. Darum erzählt er brühwarm aus seinem eigenen Leben:
„Am liebsten trage ich rosarote Unterwäsche von Hello Kitty. Und du?“
„Ich trage eigentlich gar keine Unterwäsche.“
„Warum?“

Die Antwort könnt ihr euch vorstellen."

"Die Moral der Geschichte: Was mein Freund im Radio erzählt ist natürlich erstunken und erlogen. Aber es ist spannend und bringt hohe Quoten.
Etwas das meine Frau sich insgeheim auch wünscht, wenn sie ihre Blogs veröffentlicht. Denn so kriegt sie die Aufmerksamkeit, die ich ihr vielleicht zu wenig gebe. Das Ganze ist also sehr komplex.
Bis auf den Part wo meine Frau die privaten Geschichten ebenfalls erstinken und erlügen könnte…Damit wäre ich mehr als zufrieden und würde insgeheim über die schmunzeln, die alles glauben."

Kommentar von Frau vom Ehemann von mimselle:
Und nun - so scheint es mir - muss ich diese Luxusprobleme unserer Ehe auf altmodische Art ausdiskutieren gehen. Auch wenn es per Blog, Facebook, E-Mail oder iMessage eigentlich viel unterhaltsamer und quotenförderlicher ist...

17.7.12 14:02


Väterlicherseits

Einfach nicht hinsehen. Das ist so ziemlich die einzige Möglichkeit, wenn er am Werk ist.

Der kleine unschuldige Körper wirbelt durch die Luft. Salto Montale. Wilde Stunts. Stürze aus schwindelerregenden Höhen. Feuerreifen, Kettensägen und tödliche Gladiatorenkämpfe.
Hm. Na ja. So ungefähr jedenfalls.

Gefühlstechnisch nimmt man die Vater-Sohn-Action in etwa auf diese Weise wahr.

Todesangst in den Augen, sucht man da als Mama rückversichernd den Blick des Sprösslings. Weint er, schreit er oder ist er in ein schweigsames Trauma gestürzt? Oder...lebt er überhaupt noch? 

Weder noch. Lachend, jauchzend und glucksend scheint er unbeschwerte Lebenszeichen von sich zu geben. Der Mama-Puls beruhigt sich - zumindest sobald sich der ausgesetzte Herzschlag wieder meldet. So jung und schon so lebensmüde?

Egal wie viele Kilometer hoch in die Luft, wie oft von einer zur anderen Seite geschleudert: das kleine Lebewesen scheint zu viel Urvertrauen abbekommen zu haben, als dass es auf die Idee käme um sein Leben zu kreischen. 

Und so muss man sich als der deutlich verängstigtere Teil der Erziehungsberechtigten tagtäglich die Nackenhaare glatt bürsten, sich seines Herzschlags versichern  und so gut es geht vor allem eins tun: einfach nicht hinsehen.

4.7.12 16:00


Reden ist Silber...

Besuch bei der Grossmama. Wie man es sich vorstellt.

Eine verwaschene Schürze, Küche samt Utensilien aus Anno Achtzehnhundertirgendwas. Selbstgebackene Kekse und Brot. Und natürlich Gemüse aus Eigenanbau.

Das tönt heimelig und vor allem unkompliziert. Wenn man die Hausmannskekse genüsslich verzehrt und dabei ein nettes Schwätzchen hält. Tönt unkompliziert. Ist es aber nicht. 

Nebst der Tatsache, dass ich kaum die Hälfte verstehe - im Meer aus höchstgradig urchig berndeutschen Sprachgebrauch. Ebenfalls Anno Achtzehnhundertirgendwas. Also das würde ja noch gehen. 

Aber trotz Hörgerät ist Grossmama darauf angewiesen, dass man die ganze Gewalt seines Stimmvolumens bis aufs Äusserste strapaziert. Dabei ist es dann nur halb so schlimm, dass einem die Ohren von dem Gedröhne seiner Mitmenschen nur so wackeln. Wirklich verstörend und unangenehm ist der fragende und hilflose Blick der Grossmama, wenn ich lautstark vor mir her krächze. Sie versteht mich einfach nicht.

Es scheint, ich kann machen was ich will - so laut reden wie ich will. In ihren Ohren bleibt es ein leises Flüstern, das sie kaum vom Säuseln des Winds zu unterscheiden vermag. Noch lauter und ich würde zwangsweise zum Justin Bieber-Fantum konvertieren.

Mittlerweile habe ich Taktiken entwickelt. Und versuche die Konversation so zu lenken, dass ich nur mit Sätzen antworte, die auch in Gesten zu verpacken sind. Wie eine Erlösung sind ihre Ja-Nein-Fragen, die ich geschickt mit Kopfnicken oder -schütteln bewältigen kann.

Und auch ihre Kekse werden so nicht nur zum geschmacklichen Highlight. Denn mit vollem Mund spricht man ja bekanntlich nicht. Und so sind wir beide glücklich. Sie, weil mir ihre Kekse zu schmecken scheinen. Und ich, weil ich auf diese Weise - natürlich schweigend - geniessen kann.

29.6.12 11:34


Abartiges

Abartige Dinge - als da wären:
Regenwürmer essen.
Bäume umarmen.
In seine Augen fassen.

Mal ehrlich. Wer tut sowas?
Ja, okay - ich.
Also nicht das mit den Regenwürmern und den Bäumen, sondern - dank meiner krankhaft narzisstischen Eitelkeit, die mir das Tragen von Brillen unmöglich macht - das mit den Augen.

Kontaktlinsen sind eine nette Idee. Solang es bei Theorie bleibt. Aber wenn man sich dann praktisch die Augen mit Gewalt aufreissen, und dann noch mutwillig mit dem Finger hinter verängstigt flatternde Lider hineinfassen muss, dann ist von der netten Idee nicht mehr viel übrig.

Dennoch artet meine Eitelkeit mitunter in Masochismus aus und ich führe diese schandhafte Prozedur weiterhin Tag für Tag durch. 

Bah. Fehlt nur noch dass ich Regenwürmer verspeise und danach vor Glück in die Arme eines Baumes renne. Abartig...

23.6.12 09:34


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