Juneau
Das blaue L

Mein Mann lässt sich ja ungern was vorschreiben.
Weshalb es auch nicht überrascht, dass ihn ihn der Druck der Gesellschaft und hiesiger Geschlechterklischees kalt liess, als es darum ging nach dem Erreichen der Volljährigkeit das Autofahren zu erlernen.
Und obwohl ich gerne Auto fahre, bin ich doch nicht immer glücklich über diesen Entscheid gewesen. Als Mutter ohne Schlaf und Nerven ist das Steuern eines Autos mit Kindern auf dem Rücksitz nicht immer so lustig wie es sein sollte. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht den Führerausweis machen wolle. Mein Betteln und Flehen verhallte unbeachtet in der Ferne.

Aus Gründen, die wir der Öffentlichkeit vorenthalten, hat mein Mann allen Erwartungen zum Trotz seine Entscheidung überdacht. Weshalb es nun dort klebt, auf dem Hinterteil unseres Autos: das blaue L.
Und da bei uns alles schön nach Vorschrift verläuft, wer ist wohl die volljährige Beifahrerin neben ihm: Ich natürlich.

Wie ich mir es vorgestellt habe? Die Aussicht geniessend, unbeschwert, sorglos und mit geneigtem Kopf vor mich her dösend.
Wie es wirklich ist? Mit Puls 180 auf den Tacho starrend, todbleich, mit Händen vor dem Gesicht sich vorstellend, wie man im brennenden Auto den Abgrund hinab saust.

Und um jetzt keine falschen Implikationen zu wecken: mein Mann fährt für einen Fahranfänger ziemlich gut. Aber: Fahranfänger ist Fahranfänger. Und: ich bin ich.
Das meint: wer mit dem Auto 5km/h zu schnell durch die Kurve fährt, löst in mir Todesängste aus.

Ich bin weit und breit die, weiss Gott, untauglichste Beifahrerin für Lernende, die man sich nur vorstellen kann.
Anstatt hilfreiche Ratschläge zu erteilen, stosse ich panisch bloss Notschreie aus.
Sollte ich an steilen Hängen eingreifend die Handbremse ziehen, hyperventiliere ich vor offenem Fenster.
Dass das taktisch äusserst unklug ist. Vollkommen klar. Lieber einen schlechten als einen in Schreck versetzten Neulenker.
Dass das technisch nicht umsetzbar ist, dank meiner theatralischen Fantasie, die mich jede Unfallsituation in einem spannungsgeladenen Kopfkino bereits hat durchleben lassen. Ziemlich ungeschickt.

Unsere einzige Hoffnung: er wird auf den Strassen zunehmend sicherer. Was mit meinem eigenen Sicherheitsgefühl natürlich korreliert. Haben mittlerweile sogar schon längere Fahrten fast fantasie-unfallfrei hinter uns gebracht.
Jedoch korreliert sein eigene Fahrsicherheit streckenweise leider auch mit seinem Testosteron. Was ich hätte kommen sehen müssen. Und meine Bitte langsamer zu fahren ist nur weiteres Bitten und Flehen, das unbeachtet mit 160km/h in der Ferne verhallt.
21.6.15 15:07
 
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